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Kann Homöopathie wirken?

Kann Homöopathie wirken? Diese Frage wird immer wieder diskutiert. Jeder Heilpraktiker, der die jüngste Reportage auf ARD zum Thema Homöopathie mit ansehen musste, hat sich wohl ebenso über die polemische, unprofessionelle Art der „Berichterstattung“ geärgert, wie ich.
Da jammerte eine Mutter, wie lang sie der bösen Homöopathie vertraut und damit nutzlos ihr an Neurodermitis Töchterchen gequält habe. Und ein Witwer gab den unseligen Kügelchen gar die Schuld am Tod seiner an Brustkrebs im Endstadium erkrankten Frau.
Beide Fälle wurden so im Raum stehen gelassen. Keiner durfte erfahren, was denn nun aus der Haut des kleinen Mädchens geworden ist, und über das Stadium des Karzinoms zu Beginn der homöopathischen Therapie wurde auch kein Wort verloren.
Daran haben sich aber ganz sicher nicht diejenigen Zuschauer gestört, denen die Homöopathie sowieso ein Dorn im Auge ist. Diejenigen, die am eigenen Leib schon erfahren haben, was Homöopathie kann (und was nicht), regen sich dafür um so mehr über die „Ungläubigen“ auf.
Dabei ist meiner Meinung nach genau das mit dem Glauben das Problem: Die Zeit des Glaubens ist vorbei, überholt, nicht mehr zeitgemäß. In jedem Lebensbereich. Denn wo etwas nicht erfahren werden kann, ist der Übergang vom Glauben zum Gehorchen fließend.
Wer würde sich heute in unserer westlichen Welt schon eingestehen wollen, dass er blind gehorcht?
Das dürfte doch auch der Grund sein, warum so viele Patienten ihre Symptome erst mal googeln, ehe sie eine Praxis aufsuchen. Sehr zum Ärgernis vieler Ärzte. Was fällt den Patienten denn ein, ihnen da ins Handwerk zu pfuschen? Die wollen nicht glauben, was ihnen ein Arzt oder Heilpraktiker sagt, sie wollen nicht gehorchen – nein, sie wollen erfahren, was da in ihrem Körper abläuft, wollen erfahren, was man dagegen tun kann und dann erleben, dass das stimmt. Alles andere beschwört üble Assoziationen herauf.
Dafür braucht es aber ein gewisses Maß an Zeit und Empathie zwischen Behandler und Patient. Allein schon das ist eines der Erfolgsrezepte einer homöopathischen Behandlung – und wird von den Kritikern als simpler Placebo-Effekt abgetan, der keine Kostenübernahme durch Krankenkassen rechtfertigen darf.
Letzteres war ja schließlich auch der wahre Grund und das Resumee der besagten ARD-Reportage. Und dann kommt in diesem Kontext immer wieder das Argument der fehlenden wissenschaftlichen Beweise der Wirksamkeit.
Die übrigens ebenso fehlen für die Wirksamkeit von vielen chirurgischen Eingriffen.
Das liegt weder an der Homöopathie noch an der Chirurgie. Sondern an den Verfahren der wissenschaftlichen Beweisführung, die leider den Aspekt der Ganzheit komplett außer Acht lassen.
Denn Gesundheit ist nun einmal mehr als funktionierende Reflexe oder ein schlagendes Herz. Ein Mensch ist mehr als die Summe seiner Funktionseinheiten – man kann sie vielleicht zu Testzwecken in äußerst begrenztem Rahmen isolieren, sezieren und auf diese Weise „wissenschaftlich“ untersuchen – aber danach nicht mehr zu einem gesunden Organismus zusammenbauen.
Und das ist übrigens nicht auf dem Mist eines Gutmenschen oder Verschwörungstheoretikers gewachsen. Dieses Problem hat schon im Jahr 1934 der Neurologe und Philosoph Kurt Goldstein in seinem überragenden Werk „Der Aufbau des Organismus“ mit absolut wissenschaftlichen Methoden dargestellt.
Goldstein hätte wohl die heutige Medizin in eine ganz andere Richtung gelenkt, wenn sein Werk nicht dem Nazi-Regime ein Dorn im Auge gewesen wäre. Aber dadurch verschwand das wissenschaftliche Gedankengut zum Thema Ganzheitlichkeit für viele Jahrzehnte von der Bildfläche.
Und jetzt wird so getan, als hätten sich das nur ein paar weltfremde Esoteriker ausgedacht.
Ich habe mich selbst nie als Homöopathin bezeichnet. Ich hege großen Respekt vor meinen klassisch homöopathisch arbeitenden Kollegen, aber für mich ist die Homöopathie nur eines meiner Werkzeuge.
Je nach Krankheitsbild setze ich Pflanzenheilkunde, Akupunktur, osteopathische Techniken, Injektionen, Infusionen, Vitamine, Mineralstoffe oder eben Homöopathie ein. Manchmal auch alles miteinander. Und wenn das Ganze meine Fähigkeiten übersteigt oder schulmedizinische Verfahren angebracht sind, schicke ich meine Patienten zum Arzt.
Doch gerade deshalb, weil es für mich da keinen Dogmatismus gibt, melde ich zu diesem Thema zu Wort. Es ist wahr: nach wissenschaftlichen Maßstäben gibt es bisher keinen eindeutigen Beweis für die Wirksamkeit der homöopathischen Verdünnungen.
Empirische Belege – also Erfahrungswerte – gibt es dazu aber wie Sand am Meer.
Ohne Erfahrungswerte gäbe es schließlich überhaupt keine Wissenschaften, wie wir sie heute kennen. Was also liegt näher, als die Vermutung, dass einfach der derzeitige Stand der Wissenschaft den modernen Erfahrungswerten hinterherhinkt?
Allein die schleichende Ahnung, dass man gezwungen sein könnte, diese festgefahrenen Methoden grundlegend zu überarbeiten, scheint zu genügen, um sich auf niederstes Niveau herabzulassen. Und einen seriösen Sender wie ARD zu einer so billigen, unausgegorenen und undifferenzierten Berichterstattung zu bewegen.
Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass Leistungen, die hauptsächlich, da hauptberuflich von Heilpraktikern erbracht werden, keinen Cent der Versicherungsbeiträge verschlucken. Damit kleine Mädchen mit Neurodermitis auch weiterhin ihre Cortisonsalbe auf Kassenrezept bekommen können.
Das ist vielleicht eine Übertreibung. Vielleicht tue ich dem System ja auch Unrecht, und man will das eingesparte Geld in echte, wirksame Brustkrebsprävention investieren, damit es gar nicht mehr so weit kommt, dass Frauen von dieser heimtückischen Krankheit dahingerafft werden. Denn ich denke, ich kann für die meisten meiner ernsthaft in diesem Beruf arbeitenden Kollegen sprechen, wenn ich sage: An einem metastasierenden Mammakarzinom können Globuli allein nichts mehr ausrichten.
Wer ernsthaft für seine Gesundheit die volle Eigenverantwortung übernehmen will – weil einem das in Wirklichkeit sowieso keiner abnehmen kann – sollte weder an eine Wunderpille noch an ein Wunderkügelchen glauben.
Gesundheit ist eine Lebenseinstellung. Wer zu lang damit wartet, die richtige einzunehmen, muss sich gewaltig abstrampeln, um wirklich gesund zu werden und zu bleiben. Dazu gehört ein gutes Maß an Selbstdisziplin und Ehrlichkeit zu sich selbst, um sich wirklich gesund und ausgewogen zu ernähren, einen geregelten Tagesrhythmus einzuhalten und sich regelmäßig zu bewegen. Erst dann kann eine Therapie den gewünschten Erfolg zeigen – auch Homöopathie.
Andrea Fischer